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    Bad Oeynhausen, Beate und das Universum
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine - 05/2003)

 
         
   
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Die Caricatura ehrt Jamiri, einen der wichtigsten deutschen Comiczeichner, mit einer großen Werkschau

Bisweilen materialisiert sich Gott und steigt ein in den alten Fiat. Die Reise geht nach Bad Oeynhausen. Man unterhält sich über dies und das. Dann muss Gott, der mit seinen weißen Haaren und seinem langen Gewandt aussieht wie ein Altfreak, mal pinkeln. Der Fahrer kann es kaum fassen: Unglaublich, auch Gott hat menschliche Bedürfnisse! Dieser Comic-Strip hat für wütende Leserbriefe gesorgt, wegen Gotteslästerung und so. Später trifft der Zeichner den Schöpfer ein weiteres Mal. Und wieder muss er auf dem Weg nach Bad Oeynhausen aufs Klo, Leserbriefe hin oder her. Das Erhabene ist bisweilen sehr banal.

Das Universum des Essener Comiczeichners Jamiri, bürgerlich Jan-Michael Richter (Jg. 1966), ist sein eigenes Privatleben gekennzeichnet von unermesslichen Abgründen und extremen Ausdehnungen weit über den Ruhrpott hinaus. Manchmal reicht dieses Universum bis ins Weltall, das bekanntlich von unförmigen Wesen bevölkert wird, die sich aber auch mal zu tiefschürfenden Unterhaltungen über klassische Musik herablassen oder sich über „Space-Jamiris“ seltsamen Raumgleiter auf Basis jenes schrottigen Fiats amüsieren.

Der Comiczeicher schaut im letzten Bild meist irritiert, pikiert oder konsterniert aus seiner Wäsche. Der tägliche Wahnsinn ist ja auch kaum zu fassen mit all seinen Abstrusitäten und seltsamen Figuren, allen voran seine Frau und Muse Beate. Mit ihrer entwaffnenden Offenheit lässt sie den Künstler meist ganz schön alt aussehen. Er fragt: „Gibst Du mir mal das Salz?“ Sie: „Warum? Hast Du Dir den Arm gebrochen?“ Der Mann muss schon einiges aushalten. Das rote Herz, das zuletzt über ihm schwebt, hat trotzdem keinen Riss. Der ist einfach hoffnungslos verliebt.

Jamiris Zeichnungen sind von einem superben Naturalismus und filmischer Dramaturgie gekennzeichnet. Der ehemalige Werbegrafiker, Student der Philosophie, Absolvent des Faches Kommunikationsdesign und gelegentliche Barkeeper in Beates Restaurant, versteht sein Handwerk. Mit wenigen Bildern, die er mittlerweile komplett am Computer zeichnet, macht er eine Tür weit auf, um sie dem Betrachter im letzten Bild wieder mit einer hübschen Pointe vor der Nase zuzuknallen. Jamiris Mini-Geschichten sind selten wirklich brüllend komischer Slapstick und schon gar keine verzerrenden Karikaturen, sie kommen auf leisen Pfoten daher, sezieren Sprachkonventionen, entlarven schwachsinnige Verhaltensmuster oder karikieren den täglichen Computer- oder Beziehungswahnsinn. Jamiri taucht als Sonde ein in diese Welt des Irrsinns und nimmt den Betrachter mit.

1990 fing er mit dem Comiczeichnen an. Seine Tableaus erscheinen in mehreren Magazinen. Mittlerweile sind sechs eigenständige Alben auf dem Markt, das siebte („Richterskala“) ist in Vorbereitung. Zusammengenommen bilden sie eine illusionslose Chronik der Jahrtausendwende. Wenn Jamiri das noch einige Jahrzehnte durchhält, was zu wünschen wäre, dürfte ihm der Platz im Olymp der großen Alltags-Sezierer von James Boswell bis hin zu Marcel Proust sicher sein. Jene haben zwar nicht gezeichnet, aber das hat ihrer Berühmtheit ja auch nicht geschadet.

Die Caricatura hat mehr als 100 von Jamiris veröffentlichten und unveröffentlichten Tableaus zu einer ausgezeichneten Werkschau zusammengestellt, die heute Abend, 19 Uhr im Beisein das Künstlers eröffnet wird.

Andreas Gebhardt

Bis 27. Juli.
Öffnungszeiten:
Do/Fr. 14-20 Uhr,
Sa/So u. Feiertage 12-20 Uhr.

Internet: www.caricatura.de und www.jamiri.com

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